Lüttringhauser „Schützenfeld“ und Schießstand im Wandel der Zeit

Der jetzt noch sehr ausgedehnte Grund und Boden, welcher der hiesigen evgl. Kirchengemeinde gehört, soll früher Eigentum der Klosterbrüder von Beyenburg gewesen sein und das Schützenfeld, der heutige Sportplatz an der Turnhalle, von ihnen der Schützenbruderschaft zur Abhaltung des jährlichen Schützenfestes geschenkt worden sein. Ebenso sollen der Schützenbruderschaft verschiedene andere Gerechtsame geschenkt worden resp. in ihrem Besitz gewesen sein, was unter anderem aus einem beschriebenen Pergamentstreifen hervorgeht, der im Landesarchiv in Düsseldorf heute noch aufbewahrt wird.

Ein anderer Beweis, dass die Schützenbruderschaft „Zum Kreuz“ verschiedene Einkünfte und Gerechtsame hatte, geht daraus hervor, dass die Schützenbrüder an den jährlichen Festtagen ein freies Mittagessen hatten und doch nur 1 Stüber (etwa 5 Pfennige, 78 Stüber : 1 preuß. Taler) jährlichen Beitrag zahlten. Das Mittagessen und der Beitrag von 1 Stüber fand noch zu Ende des 18. Jahrhunderts und zu Anfang des 19. Jahrhunderts statt. Bis zum Jahre 1896 wurde das Schützenfest wie seit alters auf dem jetzigen Sportplatz an der Turnhalle abgehalten. Alsdann trat ein Wechsel im Schützenplatz ein. Die Leitung der Anstalt Tannenhof legte der Stadtvertretung der ehemaligen selbständigen Stadtgemeinde Lüttringhausen die Bitte nahe, in Rücksicht auf die hunderte von unglücklichen Kranken, die durch den unvermeidlichen Festlärm sehr beunruhigt würden, den Festplatz zu verlegen. Die Verlegung sei auch dem Provinzialausschuß s. Z. von der Stadtverwaltung zugesagt worden, wenn sich Unzuträglichkeiten ergeben sollten.

Auf einstimmigen Beschluss der Generalversammlung der Schützenbruderschaft „Zum Kreuz" am 26. April 1897 wurde auf Vorschlag des Vorstandes der Bruderschaft und auf Drängen des damaligen Bürgermeisters Gertenbach der Schützenplatz an der Turnhalle nach dem Jägerschen Felde, dem jetzigen Schützenplatz, verlegt.

Das bis dahin durchgeführte Vogelschießen wurde noch eine Reihe von Jahren in alter Weise geübt; es musste dann aber eine Änderung in der Ari des Schießens eintreten. Die Aufsichtsbehörde hatte bereits wiederholt auf die vielseitigen Gefahren hingewiesen, die durch die Möglichkeit eines Vorbeifliegens, Durchschlagens, Zurück- oder seitlichen Abprallens der Geschosse für die Schützen sowohl wie für die Umgebung bei dem bisher üblichen „Vogelschießen nach einer Stange“ bestanden. Die Schützenbruderschaft beschloss darauf, einer erneuten Verfügung des Regierungspräsidenten vom 15. Mai 1904 nachkommend, Anfang Oktober 1904 eine fachmännische Besichtigung der alten Schießstandanlage durch den Baurat Ludorf aus Düsseldorf vornehmen zu lassen. Auf Grund dieser Prüfung wurde die fernere Benutzung dieses Schießstandes wegen der damit verbundenen Gefahren für die Umgebung von der Behörde untersagt. Um nun nicht auf das von alters her übliche Schießen verzichten zu müssen, ließ die Bruderschaft im Jahre 1905 ein ausfühliches Projekt für eine neue Schießanlage von dem Militärbauinspektor Kraft in Düsseldorf ausarbeiten, das allseitigen Anklang fand und dessen Ausführung beschlossen wurde.

Allerdings bedingte diese Anlage gegenüber der bisherigen gebräuchlichen Art des Schießens insofern eine wesentliche Abweichung, als fortan nicht mehr ein Hochschießen nach der Stange - ein solches Projekt war wegen der hohen Kosten von vornherein fallen gelassen worden - sondern ein Scheibenschießen auf einem Horizontalstand stattfindet.

Um den Schützenbrüdern zu ermöglichen, dass sie auch bei ungünstigem Wetter Schießübungen abhalten können, wurde dann auch eine überdachte Halle angelegt. Die rund 5000 Mark betragenden Kosten der gesamten Anlage, einschließlich der Schießhalle, sind teils aus dem Vereinsvermögen gedeckt, teils durch Ausgabe von Anteilscheinen im Kreise der Mitglieder und durch eine Anleihe bei der städtischen Sparkasse Lüttringhausen aufgebracht worden.

Nach planmäßiger Fertigstellung wurde die Anlage im Juni 1906 abgenommen und die Erlaubnis zur Inbetriebnahme von der damaligen Ortspolizeibehörde Lüttringhausen erteilt.

Nachdem so die Schützenbruderschaft mit Überwindung großer finanzieller Opfer sich eine allen modernen Anforderungen entsprechende Schießstandanlage geschaffen und der Verlegung des in ihrem Besitz befindlichen Schützenfeldes an der heutigen Turnhalle zum Jägerschen Felde zugestimmt hatte, erschien der Antrag an die Stadtvertretung der ehemaligen Stadtgemeinde Lüttringhausen berechtigt, auch ein dauerndes Besitzrecht auf dem neuen Schützenplatz zu erhalten, war doch selbst der Schießstand auf dem der Stadtgemeinde Lüttringhausen als unbeschränktes Eigentum gehörigen Grund und Boden errichtet.

Die Stadtverordnetenversammlung der ehemaligen Stadtgemeinde Lüttringhausen glaubte der Schützenbruderschaft ,,Zum Kreuz" - die in Anbetracht der geänderten Verhältnisse inzwischen durch die Eintragung ins Vereinsregister die Rechtsfähigkeit erworben hatte - weitgehends entgegengekommen zu sein, indem sie ein im Grundbuch eingetragenes Erbbaurecht zur Errichtung eines Schießstandes und eines Bruderhauses nebst Herstellung der dazu erforderlichen Gartenanlage ohne jegliche Rente oder Verzinsung einräumte. Welche Gründe im Jahre 1906 bei dieser Entscheidung vorgelegen haben mögen, das bestehende Eigentums-Recht des Schützenfeldes an der Turnhalle gegen ein Erbbau-Recht des Jägerschen Feldes zu wandeln, ist heute leider nicht mehr festzustellen.

Wieder ging ein echtes Eigenturn der Schützenbruderschalt verloren!

So fanden die jährlichen Schützenfeste bis zum Beginn des 1. Weltkrieges auf dem heutigen Schützenfeld statt. Nach diesem Krieg stand dann von 1921 bis 1929 der Sportplatz an der Turnhalle wieder für die Abhaltung der Schützen- und Volksfeste zur Verfügung, da der Schützenplatz durch die Auswirkungen des letzten Krieges immer noch unbenutzbar war, und erst nach der Eingemeindung unserer Stadt nach Remscheid von dieser in einen Zustand versetzt wurde, der wieder eine Beschickung des Platzes durch Schausteller und dergl. zuließ. Auch konnte noch die Turnhalle in diesen Jahren durch das Fehlen der geeigneten Festzelte für die Abhaltung der Feierlichkeiten an den Schützenfesttagen benutzt werden. In den Jahren 1921 bis 1923 wurde das Königsschießen behelfsmäßig mit Luftgewehr in einem Raum der Turnhalle durchgeführt, da der Schießstand auf dem Schützenplatz noch nicht wieder hergerichtet und auch die erforderlichen Gewehre noch nicht zur Verfügung standen.

Ab 1924 wurde dann der König der Bruderschaft alljährlich wieder auf dem bruderschaftseigenen Schießstand des heutigen Schützenplatzes ausgeschossen und im feierlichen Zug zur Turnhalle geleitet, wo die Krönungsfeierlichkeiten und der anschließende Krönungsball stattfanden.

Es kam das Jahr 1933. Hatte die Schützenbruderschaft bis dahin ihren Schießsport auf dem 75 Meter langen Schießstand durchführen können, der im Übrigen noch im Jahre 1932 durch den Einbau eines 50 Meter Kleinkaliberschießstandes für Jungschützen ergänzt worden war, musste auf Anordnung überörtlicher Dienststellen im Jahre 1938 ein neuer Schießstand mit einer Schießbahn von 175 Meter, unterteilt in 50 und 100 Meter Bahnen, gebaut werden.





Eine schmuckvolle Anlage, wie sie wohl weit und breit nicht zu finden war, entstand.

Das Schießhaus, 8 mal 8 Meter, hatte tadellose Belichtung, automatische Gasheizung, Wasserleitung und in zwei Anbauten eine moderne Klosettanlage und einen Abstell- und Gewehrreinigungsraum. Der Schießschacht war 5 Meter lang und 5 Meter breit. 20 Seitentraversen sowie 3 Fußtraversen standen in der 175 Meter langen und 9 Meter breiten Schießbahn. Der Klein-, wie der Großkaliberanzeigeraum war 7 Meter lang, 3 Meter breit und 2,20 Meter hoch und für das Anzeigepersonal sehr räumlich und äußerst bequem eingerichtet. Der Kugelfang war 3 Meter hoch, 8 Meter breit und 8 Meter tief. Der Scheibenstand war mit 200 Pappeln und 2000 Sträuchern in grün eingefasst und ein solider Zaun, für den allein 2000 Meter laufenden Draht benötigt wurden, hinderte noch jegliches Eindringen in die Schießanlagen.

Für das Schießen war auch noch folgendes berücksichtigt worden: Der Schütze stand im Anschlag 40 cm tiefer als der Aufenthaltsraum im Schießhaus selbst lag, so dass alle Zuschauer die Schießresultate bequem verfolgen konnten. Der Schütze konnte ferner, ohne seinen Stand zu wechseln, alle Schießarten stehend, liegend oder kniend, schießen.

Diese großartige Schießanlage konnte erstehen, weil aus den Reihen der Bruderschaftsmitglieder Geldspenden aufgebracht und von einzelnen Schützerbrüdern Arbeit geleistet oder Baustoffe zur Verfügung gestellt wurden. Der bisherige 75 Meter Schießstand wurde stillgelegt, später geschleift, nur das noch erhaltene massive Schießhaus blieb stehen, bis auch dieses nach vorübergehender Benutzung durch Bombengeschädigte, im Jahre 1961 abgerissen werden musste.

Wiederum ging ein echtes Besitzstück der Schützenbruderschaft „Zum Kreuz" verloren!

Der neue 175 Meter Schießstand, an der Längsseite der Schützenstraße gelegen, musste auf Anordnung der Militärregierung nach dem 2. Weltkrieg beseitigt werden. Allein das Schießhaus blieb noch eine kurze Zeit später stehen, weil dort bombengeschädigte Mitbürger eine Notunterkunft gefunden hatten. Wegen Baufälligkeit musste auch dieses Schießhaus dem Erdboden gleichgemacht werden.

Erneut ging auch dieser stolze Besitz der Schützenbruderschaft für immer verloren!

Der Schützenplatz war von Baracken übersät. Hier fanden bombengeschädigte Mitbürger eine dringend notwendige Unterkunft. Ein schwerer massiver Brandteich nahm einen großen Teil des Schützenplatzes ein.

Die Verantwortlichen der Schützenbruderschaft haben in mühevoller Kleinarbeit und durch die mit der Stadtverwaltung Remscheid geführten Verhandlungen die fast restlose Räumung ihres Schützenplatzes erreichen können.

1952 war es dann wieder soweit; dass ein Schützen- und Volksfest gefeiert werden konnte. Man übte sich im sportlichen Schießen mit einem Luftgewehr im Saal von Waldmüller (heute Kopf) in der Gertenbachstraße. 1952 wurde noch der neue König der Bruderschaft auf dem Schießstand Schreckegast an der Remscheider Talsperre ausgeschossen.

1953 gelang es der Schützenbruderschaft eine neue 50 Meter lange Schießsportanlage am Neuenhof (E. Lemmer) zu finden. Hier wurde dann bis zum Umbau des ,,Neuenhofs" fleißig schießsportlich geübt und die jeweiligen Könige an den Schützenfesttagen ausgeschossen.

Nach erfolgtem Umbau stand die Schützenbruderschaft wieder ohne Schießsportanlage da. Der benachbarte Bruderverein - Schützenverein Lennep 1805 - gewährte ihr Gastrecht auf seinen in der Schreverheide gelegenen Schießständen.

1968 wurde das ständige Bemühen um die Schaffung eines vereinseigenen Schützenhauses und einer vereinseigenen Schießsportanlage Wirklichkeit durch die Bereitstellung eines geeigneten Grundstückes im Hülsberger Tal. Nunmehr hatte die Bruderschaft nach all den vielen Jahren der „Bitterkeit und des Umherwanderns“ die Möglichkeit erhalten, ans Werk zu gehen. Was geschaffen wurde, ist heute gegenwärtig: Das Schützenhaus, ein Schmuckstück und eine Heimstatt, eine mustergültige Sportanlage mit Schieß- und Pistolenständen, verantwortungsbewusste Schützenbrüder und eine schießsportfreudige Jugend!

Der Blick in die Vergangenheit soll uns mahnen, die Zukunft nicht zu verlieren


Richard Gies (1974)